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04.05.2005

Das Massaker in der Columbine High School/Littleton
Eine kritische Auseinandersetzung

Vorwort

Am 20.04.1999 brachten zwei Schüler der Columbine Highschool in Littleton 12 Mitschüler, einen Lehrer und schließlich sich selbst um. Über dieses Ereignis wurde wochenlang in den Weltmedien berichtet und es schleuderte damit den Ort Littleton auf die Landkarten und die Namen der Täter, Dylan Klebold und Eric Harris, in die Köpfe der Menschen. Aufgrund der teils extremen Reaktionen auf diese Tat und der Tatsache, dass Massaker wie dieses auf den ersten Blick ein Phänomen dieser Zeit sind (oder zumindest dessen Medienpräsenz), war für mich Anlass genug mich mit dem Thema etwas genauer auseinanderzusetzen, nach Gründen für diese Tat zu suchen, die wohl trotz allem mit anderen Taten nur schwerlich zu vergleichen ist. Auch der Begriff 'Amoklauf' ist bei genauerer Betrachtung als die Tat nicht realistisch beschreibend zu erkennen.
Die Ursachenforschung erfordert natürlich zunächst die Kenntnis des Tatverlaufs. Ich habe versucht diesen aus verschiedenen Quellen zu rekonstruieren, wobei ich mich auf die manchmal etwas zweifelhaften Angaben verschiedener Medien verlassen musste, und bin dabei auch auf einige Mythen gestoßen, die in gewissen Kreisen offenbar noch immer Gehör finden, bzw. an die immer noch geglaubt wird und die eine vernünftige Auseinandersetzung, welche zur Bekämpfung der Ursachen führen könnte, erschweren.

Dieser Text ist in drei Teile gegliedert. Zuerst beschäftige ich mich mit der Tat und den Tätern, dann mit den vermeintlichen Ursachen, insbesondere mit denen die von Autoritäten und Moralisten vorgetragen wurden wobei ich dem interessanten Statement ihres Sündenbocks Nr. 1, Marilyn Manson, seinen Platz gelassen habe, um schließlich zu den gesellschaftlichen Folgen der Tat zu kommen.
Der Text kann schwerlich jeden Aspekt der Tat berücksichtigen, aber ich denke er ist differenziert genug, um der Wahrheit dieser Tat näher zu kommen. Aber entscheiden Sie selbst.


Vorbereitungen der Tat

Eric Harris (18) und Dylan Klebold (17) haben das Massaker bereits ein Jahr zuvor geplant, wie man an der ausgereiften Planung erkennen kann. Sie wollten 250 Menschen töten, so kündigten sie es zumindest in einem ihrer fünf Videos an. Dass ihnen dies nicht gelang lag wahrscheinlich nur daran, dass alle Bomben versagten.
Angeblich wurden in dem Tagebuch einer der beiden Killer ein Eintrag gefunden, in welchen jener schrieb, dass sie nach dem Amoklauf ein Flugzeug entführen wollten, um es über der Innenstadt von New York City abstürzen zu lassen. [3]
Ob dies aber wirklich geplant, oder nur eine wilde Phantasie war, bleibt dahingestellt.
Fakt ist, dass beide Außenseiter waren. Eric Harris Vater war bei der Armee, wodurch die Familie öfters umziehen mußte. Harris sagte dazu auf einem der Videos, dass er es gehaßt hätte, nach einem Umzug immer wieder “auf der untersten Stufe anzufangen”. Er wäre von allen ausgelacht worden, “mein Gesicht, meine Haare, meine Hemden”.
Sie gehörten einer kleinen Gruppe von Außenseitern an, der sogenannten Trenchcoat Mafia, die schwarze Mäntel trugen, Filme wie “Reservoir Dogs” liebten, einem Pulp Fiction ähnlichen Gewaltfilm [4], und “Nazi-Musik” hörten. Zudem waren die beiden Fans von “Natural Born Killers”.
Sie waren offenbar Anhänger nationalsozialistischem Gedankenguts, da sie in einem ihrer Filme erwähnen, dass sie alle “Nigger, Juden, Latinos, Schwule und verfickte Weiße” hassen. [6] Zudem wählten sie den 20.04.1999, den 110. Geburtstag von Adolf Hitler aus und schossen gezielt auf einen schwarzen Schüler, den sie als Nigger bezeichneten.
Sie schrieben blutrünstige Gedichte und waren Fans von “DOOM”, einem der ersten gewaltverherrlichenden 3D Egoshooter, zudem unterhielten sie eine Website im World Wide Web, auf welcher sie ihre Tat ankündigten, Drohungen gegen verhaßte Mitschüler aussprachen und angeblich auch eine Liste führten, über Leute, die sie gerne töten würden. Zudem wäre Harris sehr am 2. Weltkrieg interessiert gewesen, auch hätten die beiden einen Dokumentarfilm über Waffen aller Art gemacht. [5]
Die Gruppe zu der sie gehörten, der sogenannten Trenchcoat Mafia, hatte in der Schule einen schweren Stand. Sie galten als düstere Typen, die sich für okkulte Dinge interessierten und offen über Gewalttaten sprachen, zudem hätten einige von ihnen weiße Schminke getragen und apokalyptische Gedanken gehabt. Man brachte sie daher schnell in Verbindung mit der sogenannten “Goth-Szene”, wobei diese sich deutlich von den Tätern distanzierte. Ansonsten zeichneten sich die beiden durch gute bis sehr gute Leistungen in der Schule aus. Sie interessierten sich für Computer und besuchten Philosophiekurse. Sie waren ebenso vorbestraft, da sie mal einen Van aufgebrochen hatten. [2]
Sie gaben sich neue Namen. Eric Harris nannte sich “Reb”, eine Kurzform für Rebell, wie sich auch die Schüler der Schule nennen.
Dylan Klebold nannte sich VoDKa, nach seinem Lieblingsgetränk worin er seine Initialen hervorhob. Er schrieb diesen Namen auch auf die Bomben. [1]
Sie wurden von anderen gehänselt, ausgelacht, oder schlicht ignoriert. Auch ihre Eltern bekamen nichts von ihrem Tun mit. So konnten sie sich in aller Ruhe, in der Gewißheit nicht beobachtet zu werden auf ihre Tat vorbereiten. Sie bauten Rohrbomben und Zünder, welche sie in den Elternhäusern versteckten, planten Einzelheiten und sprachen Situationen durch. In der Schule wurden mögliche Fluchtwege ausprobiert. Daher sollte man ihre Tat nicht als Amoklauf bezeichnen, sondern eher als geplantes Massaker.
Ein paar mal wären ihre Eltern ihnen beinahe auf die Schliche gekommen, z.B. sagt Klebold auf einem der Videos, dass seine Eltern in sein Zimmer kamen, als er gerade seinen Mantel angezogen hatte, unter dem er eine Schrotflinte versteckte. Sie bemerkten es nicht und spätestens seitdem lagen die beiden richtig in ihrer Ansicht, dass sie jeden täuschen konnten. Sie verhöhnten ihre Mitschüler, denen sie einfach alles erzählen könnten und sie es ihnen glauben würden. [6]
In ihren Videoaufnahmen malten sie sich ihre Tat aus, dass es “wie im Videospiel DOOM werden würde”, dass “Sekunden wie Stunden werden würden” in diesen “15 aufregendsten Minuten ihres Lebens”. Sie sprachen darüber, dass man ihre Geschichte verfilmen würde, dass sie berühmt werden würden. Sie sahen Regisseure wie Quentin Tarantino und Steven Spielberg als würdig an, ihre Geschichte zu verfilmen. Zudem wollten sie als Gespenster zurückkehren, in den Erinnerungen der Opfer und sie in den Wahnsinn treiben. [6]
Sie waren sich sicher eine Geschichte zu hinterlassen, die ausreichen würde um sie zu verfilmen. Sie wollten, dass man ihre Tat auf niemanden anderen schiebt, dass sie nicht von anderen Massakern die zuvor stattfanden inspiriert worden seien. Sie sagten, dass man niemanden außer ihnen die Schuld geben sollte. Sie machten sich noch einen Spaß daraus zu sagen, was ihre Eltern sicherlich nach dem Attentat gedacht haben: “Wenn wir nur früher diese Bänder gefunden hätten”, oder “Wenn wir nur einmal ihre Zimmer durchsucht hätten” und “Wenn wir nur einmal die richtigen Fragen gestellt hätten”. Sie redeten noch darüber eine “Revolution zu starten”. Sie wollten die neuen Idole aller Ausgestoßenen sein. [6]
Den letzten Film ihrer insgesamt fünf Filme drehten sie am frühen Morgen des 20. Aprils.
Ihre letzten Sätze: “Es ist eine halbe Stunde vor dem Tag des jüngsten Gerichts”, sagt Dylan. Dann zu seinen Eltern: “Ich hab das Leben nicht sehr gemocht. Ihr sollt nur wissen, dass ich zu einem besseren Platz gehe.” Dylan nimmt Eric die Kamera ab. Eric: “Ich weiß, daß meine Mutter und mein Vater geschockt sein werden. Ich kann es nicht ändern.” Dylan aus dem off: “Es ist das, was wir tun mußten.” Darauf Eric: “ Das war's. Sorry. Goodbye.” [1]


Das Geschehen

Es ist der Morgen des 20.04.1999. Eric Harris und Dylan Klebold sind bei ihrem schwarzen BMW auf dem Parkplatz vor der Schule. Es ist 11:17 Uhr. Kurz vor 11 Uhr hatten sie zuvor zwei Seesäcke in die Cafeteria gebracht, in denen sich selbstgebaute Propangasbomben befinden. Nun ziehen sie sich ihre schwarzen Ledertrenchcoats an, nehmen ihre Waffen, laden sie und bestücken sich mit Munition. Dann setzen sie sich in den Wagen und warten. [1][5]
Zuvor hatten sie noch einen Satz Bomben in einigen Meilen Entfernung postiert, um die Polizei abzulenken. Diese Bomben sollten zuerst hochgehen.
Dann die Bomben in der Cafeteria, um die Schüler nach draußen auf den Parkplatz zu jagen, wo sie dann von Eric und Dylan mit einem Kugelhagel empfangen worden wären.
Ein weiterer Satz Bomben war im Wagen der Killer. Er sollte gezündet werden, wenn Polizei und Einsatzkräfte anrücken würden.
Keine der in der langen Zeit zuvor, in den Garagen ihrer Elternhäuser selbst zusammengebastelten Bomben funktionierte. Die Bombe in der Cafeteria versagte ihren Dienst, niemand kam herausgerannt.
Daher müssen sie ihren Plan abändern. Sie warten noch kurz und gehen dann auf die Schule zu. Sie schießen währenddessen wahllos umher und töten dabei zwei Schüler. Ein Hilfssheriff, Neil Gander, der zu diesem Zeitpunkt gerade in seinem Wagen sitzt, stürmt auf die beiden zu und schießt auf Eric Harris. Ein kurzes Feuergefecht, wobei Eric von der Kugel verfehlt wird, aber auch Neil nicht verletzt wird.
Die beiden betreten um 11:19 Uhr schließlich das Gebäude. Sie sind bewaffnet mit zwei abgesägten Schrotflinten, einer halbautomatischen Pistole (TEC DC9) und einem Neun-Millimeter Gewehr. [2][5]
Um sich schießend gehen sie in die Schulbibliothek. Durch ein Fenster der Schulbibliothek werden sie um circa 11:29 von Lehrerin Patti Nielson auf dem Flur gesehen, die daraufhin die Polizei anruft, dann aber bei der Ankunft der Killer den Hörer fallen läßt. Die Verbindung bleibt also offen und die Einsatzleitung kann das Geschehen mithören.
Zuerst erschießen sie dort einen achtzehnjährigen schwarzen Mitschüler, Isaiah Shoels. Er ist eigentlich das einzige Opfer, das anscheinend gezielt ausgewählt wurde. Sie titulieren ihn als Nigger und töten ihn mit einem Kopfschuß. Daraufhin feixen sie: “So sieht also das Gehirn eines Niggers aus”.
Die beiden Killer machen sich einen Spaß aus dem Töten ihrer Mitschüler.
Das nächste Opfer ist Matt Kechter, ein sechzehnjähriger Sportler, den sie eben aus diesem Grund hassen und kurz bevor sie schießen noch verspotten.
Dann folgt Carey DePooter, 17. Das nächste Opfer wird später zur regionalen Märtyrerin. Mitschüler erzählen nach dem Amoklauf, dass die Killer gefragt hätten, ob “hier jemand an Gott glauben würde”. Cassie Bernall sei daraufhin aufgestanden und hätte mit lauter Stimme die Frage bejaht, woraufhin die Killer sie mit den Worten “Es gibt keinen Gott” in den Kopf geschossen hätten.
Diese Geschichte ist aber wohl auf die starke Religiosität zurückzuführen, zumal Cassie erst vor kurzem zum christlichen Glauben gefunden hatte, so dass Mitschüler dies wohl für eine passende, würdige Art gestorben zu sein hielten.
Die Polizei, die alle Gespräche die in diesem Raum stattfanden mithören konnte und diese auch aufzeichnete kann dies aber nicht bestätigen.
Auf den Bändern kann man die beiden Killer lachen hören, während die Opfer am schreien waren. Einer der beiden deutet den anderen still zu sein. Eric geht daraufhin zu dem Tisch, unter dem sich Cassie versteckte und rief “Peekaboo!”, was einem “Buh!” gleich kommt. Danach wird nichts weiter mehr gesagt, lediglich die Waffe ist zu hören, als Eric nachdem er den Lauf der Waffe Cassie ins Gesicht gepreßt hatte, schließlich abdrückt. Der Rückstoß bricht ihm die Nase. Das nächste Opfer sitzt auf dem Fußboden. Brea Pasquale war nicht in der Lage gewesen sich unter einem Tisch zu verstecken. Eric fragte sie, ob sie heute sterben wolle. Sie verneint und nur weil Dylan in dem Moment nach ihm ruft wird ihr Leben verschont.
Um 11:40 schließlich verlassen die beiden die Bücherei und gehen die Treppe zur Cafeteria hinab in welcher sich noch vier Schüler versteckten.
Auf den Bändern der Überwachungskamera sieht man die beiden, wie sie aus verschiedenen Bechern trinken, die die geflohenen Schüler zurückgelassen hatten. Zwischendurch feuern sie aus den Fenstern auf angerückte Sicherheitskräfte. Dann gehen sie wieder zurück in die Bibliothek. Sie ärgern sich, dass auch die Bombe in ihrem Wagen ihren Dienst verweigert hatte und nicht explodiert ist.
Um 12:00 Uhr dort angekommen beobachten sie, dass sich draußen Polizei und Sondereinsatzkommandos auf den Sturm des Gebäudes vorbereiten. Sie erkennen, dass der “Doomsday”, wie der Tag zuvor von ihnen genannt wurde vorbei ist. Dylan Klebold stellt daraufhin einen Molotowcocktail auf einen Tisch und zündet diesen an. Als dieser anfängt zu brennen schießt sich Eric Harris in den Kopf, Dylan Klebold folgt ihm wenige Sekunden später. Die Sprinkleranlage löscht den Molotowcocktail. Auch ihre letzte Bombe zündet nicht.
Um 12:05 Uhr sind beide Killer tot. Sie hätten noch Munition gehabt, um weitere Menschen zu töten.
Erst um 15:00 Uhr finden Leute vom Sondereinsatzkommando den kurz zuvor verbluteten Lehrer Dave Sanders zusammen mit 60 Schülern in einem Raum. Sanders hatte zuvor etlichen Schülern das Leben gerettet, indem er sie laut rufend warnte zu flüchten oder zu sich zu verstecken, wurde dann aber selbst getroffen. Die Einsatzkräfte verteidigten ihren langsamen Vormarsch damit, dass sie nicht wissen konnten, dass die Killer bereits tot waren, man wußte zunächst nicht einmal, wer sie waren, so dass auch die aus der Schule flüchtenden Schüler von den Einsatzkräften mit hinter den Kopf verschränkten Händen weggebracht wurden. Man fand etliche verbarrikadierte Klassenräume, in denen sich Schüler versteckt hielten, welche fürchteten, dass sich die Killer als Polizisten ausgeben würden. Zudem war die Notrufnummer 911 vollkommen überlastet, so dass die Telefongesellschaft einzelne Verbindungen trennen mußte, auch die auf denen Schüler wichtige Informationen nach draußen schaffen wollten. Dazu kamen noch widersprüchliche Angaben von geretteten Schülern über die Zahl und den Aufenthaltsort der Killer. Der Feueralarm der während des Amoklaufs losgegangen war verhinderte zudem, dass die Schüsse aus größerer Entfernung gehört werden konnten. Daher konnten die Einsatzkräfte sich nur langsam vorarbeiten. [1][2]


Ursachen

Die üblichen Verdächtigen

Um sich mit den Ursachen zu beschäftigen werde ich mich zunächst den Anschuldigungen der Medien widmen.
Diese konzentrieren sich sowohl auf einzelne Personen, wie insbesondere Marilyn Manson, als auch auf die gesamte Musikbranche, dazu kommen dann noch Computer- bzw. Videospiele, gewaltverherrlichende Filme, das Internet und nicht zuletzt Subkulturen wie die “Goth-Szene”.
Ich werde hier versuchen mich kritisch mit diesen Anschuldigungen auseinander zu setzen und dann schließlich versuchen die wahrscheinlichsten Gründe für diese Tat aufzuzeigen.


Musik

Die Anschuldigung, dass Musik Menschen beeinflußt ist nicht von der Hand zu weisen. Musik verstärkt Stimmungen, kann sogar bestimmte Stimmungen erzeugen, aber soll sie in der Lage sein einem Menschen einzureden, dass er jemanden töten soll?
Die beiden waren Fans der Gruppen KMFDM und Rammstein. Da sich die Medien in der Regel nicht so gut in diesen Dingen auskennen wurde Marilyn Manson hinzugenommen, der aufgrund seiner kontroversen Texte und schockierenden Auftritten und seiner selbstgewählten Bezeichnung “Antichrist” eh schonmal verdächtig sein muß. Da man sich bald sicher war, dass beide Killer mit nationalsozialistischem Gedankengut eng verbunden waren, wurde auch Manson bald als satanistischer Nazi hingestellt.
Später stellte sich dann aber heraus, dass die beiden Killer seine Musik nicht besonders mochten.
Aber dies ist nicht der Punkt. Wenn Musik wirklich für Gewalttaten verantwortlich gemacht werden kann, dann müßte es sehr viel mehr dieser Gewaltausbrüche geben. Es lässt sich in der Tat keine Verbindung von Musik zu Gewalttaten herstellen. Der Familienvater, der Volksmusik hört und seine Frau und Kinder schlägt tut dies sicherlich nicht, weil ihn die Musik dazu angestiftet hat.
Musik ist eher eine Möglichkeit zu flüchten. Oftmals hört man junge Menschen sagen, dass Musik ihnen hilft mit Problemen fertigzuwerden, dass sie sich in der Musik ausleben können, Frust abbauen können, wieder neue Kraft gewinnen können. Eric und Dylan wird es in dieser Hinsicht wohl nicht viel anders gegangen sein.
Zudem ist zu bedenken, dass junge Menschen, von denen erwartet wird, dass sie ein Auto fahren können, welches durchaus als Waffe zu verwenden ist, wissen was sie tun, dass sie eigenständig handeln können und nichts und niemand für ihr Handeln beschuldigt werden kann. Ebenso könnte man fragen, ob Goethe für die vielen, durch sein Werk “Die Leiden des jungen Werthers” inspirierten, Suizide seiner Zeit verantwortlich gemacht werden kann. Kunst darf nicht verantwortlich gemacht werden für die Grausamkeiten dieser Welt. Die Kunst ist nur ein Spiegel eben dieser Welt. Der Künstler, der Verkünder der Wahrheit, bzw. seiner subjektiven Wahrheit darf nicht das Opfer seiner Botschaft werden. Kaum ein Buch könnte noch geschrieben werden, kaum ein Film gedreht werden, kaum ein Theaterstück aufgeführt werden, wenn die Künstler für, durch ihre Kunst inspirierte, Gewalttaten verantwortlich gemacht werden können.
Der beschuldigte Marilyn Manson äußerste sich zu den Vorfällen in einem Essay. [Material 1]


Computerspiele und das Internet

Die beiden interessierten sich sehr für Computer, spielten etliche Spiele und waren schon fast fanatische Fans vom 3D Spiel “DOOM”. In der Tat hat dieses Spiel wohl ihre Fähigkeiten als Schützen trainiert. Sie trafen überdurchschnittlich gut. Auch verglichen sie ihre geplante Tat mit Szenen aus dem Spiel, ebenso wurden ähnliche Waffen eingesetzt. Doch auch dieses Spiel und ähnliche werden von etlichen Menschen auf der ganzen Welt gespielt, die nicht gewalttätig wurden. Das Spiel kann als Training angesehen werden, teilweise auch als Inspiration, doch es ist keine Ursache. Kaum ein Mensch ist nicht in der Lage zwischen einem Computerspiel und der Realität zu unterscheiden. Zudem ist es ein sehr altes Spiel, so dass die Darstellung unrealistisch und fern jeglicher Realität ist. Außerdem waren die beiden Killer offensichtlich nicht dumm. Sie waren in der Lage alle ihre Vorbereitungen für einen wohldurchdachten Plan auszuführen, ohne erwischt zu werden, ohne aufzufallen. Sie waren gut in der Schule und spielten oftmals die schüchternen, etwas dummen Jungen, um nicht aufzufallen. In ihren Videos haben sie die Folgen ihrer Taten aufgezählt. Sie wußten, wie die Welt, wie die Medien und andere reagieren würden. Sie wußten ganz genau, was sie taten. Sie ahmten sicher nicht nur ein Computerspiel nach.

Das Internet ist ein gigantisches Sammelsurium von Informationen, Kunst, Weltsichten und auch Propaganda, sowie etlichen nicht näher klassifizierbaren Dingen.
Es gibt dort Pläne und Anleitungen, wie Bomben zu bauen sind. Dies ist aber auch mit einigen Kenntnissen in Chemie und Physik zu bewerkstelligen. Ihre Weltsicht, ihr Hass auf “Juden, Latinos, Schwule und Nigger” kommt sicherlich nicht aus dem Internet. Man hasst keinen Menschen, weil man gesagt bekommt, man solle ihn hassen, außer man folgt dumm wie ein Schaf der Herde, einer gesellschaftlichen Moral, bzw. einem religiösen oder politischen Dogma. Sie haben ihrem Hass dort vielleicht eine bessere Basis geben können, sich mit gleichgesinnten Austauschen können und Informationen sammeln können. Vielleicht ließen sie sich auch von der Propaganda überzeugen, so dass ihre politische Einstellung extremer wurde, ihr Hass größer.
Aber sie haben nur einen Menschen aus offensichtlichem Rassenhaß getötet. Dies war Isaiah Shoels, ein schwarzer achtzehnjähriger Junge, den sie auf brutalste Art erschossen und als “Nigger” titulierten.
Sie wählten sonst kaum gezielt Menschen aus. Wenn dann eher Mitschüler, die sie zuvor gequält und gehänselt hatten.
Zuletzt ist zu sagen, dass das Internet die Gesellschaft widerspiegelt, nur, dass es dort noch größtenteils keine Zensur von unliebsamen Inhalten und Informationen gibt.
Man sucht nach Dingen, die einen persönlich schon vorher interessierten. Es ist falsch anzunehmen, dass ein paar Seiten, die faschistische Ideologien propagieren, Menschen zum Faschismus führen. Man muß bereits vorher eine Tendenz haben, ein Interesse an diesem Thema. Das Internet hilft einem nur sich zu bestimmten Themen zu informieren und andere Menschen zu sprechen, die man im normalen Leben nicht treffen würde, bzw. mit denen man sich nicht so frei unterhalten könnte.
Es liegt einzig und allein an der Person, die das Internet nutzt. Wie kritisch diese Person Inhalten gegenüber ist, welche Erfahrungen sie bereits gemacht hat, welche Ausbildung sie genossen hat usw..


Filme

Filme sollen unterhalten und ab und an auch zum Nachdenken anregen. Filme sind Theaterstücke die es schon vor zweitausend Jahren gab nur in moderner Form und mit mehr technischen Möglichkeiten. In vielen Filmen ist es beabsichtigt, dass man sich mit dem Protagonisten, in der Regel dem Guten, identifizieren kann. Man kann plötzlich Dinge tun, die einem im normalen Leben verwehrt sind, Träume ausleben, man fühlt sich plötzlich nicht mehr so nichtig. Filme können Menschen daher in der Tat emotional aufbauen. Und doch weiß man Fiktion und Realität zu unterscheiden. Wenn in einem Film jemand getötet wird, dann weiß man, dass er nicht wirklich tot ist. Dies ist jedem Menschen zuzutrauen, der ein bestimmtes Alter erreicht hat, der weiß was Leben und Tod ist, was real und was nicht real ist. Es ist anzunehmen, dass dies Menschen, die 16 Jahre und älter sind sehr klar unterscheiden können. Diesen Menschen erlaubt man ein Auto zu fahren, also wird man sich wohl sicher sein müssen, dass sie wissen was sie tun.
Das einzige was man Filmen zusprechen kann ist, dass sie inspirieren können. Die Szene in “Basketball Diaries”, in der Leonardo di Caprio in der Rolle des Protagonisten im schwarzen langen Mantel ins Schulgebäude geht und Schüler erschießt, die ihn zuvor gequält hatten ist sicherlich als Inspiration zu erkennen. Die Killer spielten in einem ihrer Filme diese Szene sogar einmal nach. Sie wußten genau, dass es nicht real war, aber sie ließen sich inspirieren.
Hätten sie den Film nicht gesehen, dann hätten sie ihre Tat vielleicht auf eine etwas andere Art begangen. Wahrscheinlicher ist, dass sie in diesem Film zum ersten Mal sahen, was sie sich bisher immer nur in ihrer Phantasie ausmalten. Kein Wunder, dass sie diesen Film liebten. Aber es war wiederum ihr Handeln, ihre freie Wahl. Sie wußten was sie taten und sie taten es aus ihren Gründen, sie spielten keinen Film nach.
Zudem ist noch zu erwähnen, dass der Film “Natural Born Killers” eine Satire auf die amerikanische Gesellschaft ist, die Gewalt glorifiziert, eine Satire auf die Medien, die jeden Tag Gewalt verkaufen. Oliver Stone zeigt darin auf, dass die Medien von der alltäglichen Gewalt leben und ihr Geld verdienen, dass die Zuschauer eben das sehen wollen. Je grausamer und entsetzlicher ein Geschehen ist, desto mehr Zuschauer, bzw. Leser wird man bekommen. Ein Massenmord ist eine Sensation. Das Massaker in Littleton hat sicherlich bei einigen Karrieren geholfen und eine Menge Geld eingebracht. Als Zuschauer fühlt man in der Regel nicht, was Opfer fühlen, sondern man sieht oftmals nur einen weiteren Film und freut sich über die gebotene “Action”, die einen aus dem langweiligen Alltag rausholt.
Amerika ist die einzige Nation, die Krieg in der ganzen Welt führt und die Bilder im Fernsehen überträgt. Die Bevölkerung merkt nichts von den Auswirkungen. Sie sehen die Aufnahmen von Bombenabwürfen etc., aber sie sehen die Folgen nicht. Man sagt, dass man mal wieder einen Krieg gegen den bösen Feind gewonnen hat und schon sagt nichts gegen neue Rüstungsaufträge, die den Staatshaushalt belasten und der Rüstungsindustrie mehr Einfluß verschaffen, zudem hat man noch interessante Unterhaltung.
Gewalt ist Unterhaltung. Ebenso war das Littleton-Massaker Unterhaltung für die Massen. Man fährt zum Ort des Geschehen, Sightseeing-Touren zum Ort des Blutbads. Mörder werden auf den Titelblättern der größten Zeitungen abgedruckt, wodurch diese so bekannt und berühmt werden wie Hollywoodstars. Wer kennt nicht Charles Manson?
Wer kennt seit dem 20.04.1999 nicht den Ort Littleton, die Columbine Highschool und nicht zuletzt, wer kennt nicht die beiden Täter, Dylan Klebold und Eric Harris?
Der als Sündenbock mißbrauchte Marilyn Manson schrieb mit Recht auf seiner Homepage: “ Is adult entertainment killing our children? Or is killing our children entertaining adults?”, Tötet Erwachsenenunterhaltung unsere Kinder, oder unterhält das Töten unserer Kinder Erwachsene? [7]


“Goth - Szene”

Den beiden Tätern wird nachgesagt, dass sie Anhänger der sogenannten Goth Szene waren. Diese Szene würde den Satanismus propagieren (bzw. das was von den Medien als Satanismus bezeichnet wird) und gewalttätig sein, man würde Friedhöfe schänden und rituelle Morde begehen.
Wer sich etwas mit der Thematik beschäftigt und sich mit Menschen die in der Szene sind unterhält, der wird bald feststellen, dass diese Vorstellungen nichts mit der Realität zu tun haben.
Zunächst einmal gibt es eine genau definierte Szene überhaupt nicht. Wie bei eigentlich allen Szenen kann nichts generalisiert werden. Jeder, der sich der Szene zugehörig fühlt hat andere Motive und Vorstellungen.
Die Szene entstand aus der Punk Bewegung in Großbritannien. Goths kleiden sich in der Regel schwarz, aber auch hier gibt es Unterschiede. Manche bevorzugen Mittelalterliche oder Barocke Gewänder, andere laufen mehr wie schwarz gekleidete Punks rum. Allgemein wird behauptet, dass es vor allem intelligentere, nachdenklichere Vertreter der Jugend sind, die sich der Bewegung zugehörig fühlen, die sich entsprechend stylen und kleiden. Orte wie Friedhöfe sind in der Tat beliebte Orte, nur werden keine Gräber geschändet, sondern man genießt die Ruhe, die Atmosphäre, die Nähe zum Tod. Die Goth Szene hat auch eine engere Verbindung zum Tod. Die schwarze Kleidung soll, so wird es zumindest von vielen gesehen, den Tod symbolisieren, aber nicht in dem Sinne, dass man Leute umbringt, oder den Selbstmord propagiert, man beschäftigt sich lediglich mehr mit diesem Teil des Lebens, da die Gesellschaft diese Thema niemals anspricht, man das Thema vermeidet. Natürlich gibt es auch unter den Goths ein paar Menschen, die pseudo-satanistische Rituale durchführen und andere nicht gerade schöne Dinge, doch dies ist eine extreme Minderheit, welche von den anderen abgelehnt wird.
Wie bereits gesagt ist die Szene nicht wirklich klar zu definieren oder zu erklären und es wäre ein Unterfangen, das die Arbeit sprengen würde und uns zu weit vom Thema bringen würde. Fakt ist, dass die Goth-Szene weitaus friedvoller als andere Szenen ist. Gewalt wird von den Meisten in der Szene absolut abgelehnt. Man versucht Konflikte auf andere Art und Weise zu regeln, oder reagiert auf Aggressionen von außen eher passiv.
Dylan Klebold und Eric Harris gehörten wahrscheinlich, wenn überhaupt, zu einer Gruppierung, die weiße Schminke und dunkle Kleidung trägt, um die Überlegenheit der weißen Rasse aufzuzeigen, ihrer Arroganz kam der Gedanke eines “weißen Elitarismus” sicherlich entgegen. Das Interesse an okkulten Dingen war auch schon Hitler und seinen Helfern nicht fremd. In der Tat haben die Nazis seinerzeit viele Zeichen der alten Germanen, Kelten und Wikinger gebraucht und sich dem Okkultismus zugewendet. Man bildete elitäre Zirkel, die sich mit alten Legenden beschäftigten. Ähnlich verhält es sich mit jenen Gruppen. Man lernt über alte Legenden und erlangt “geheimes Wissen” aus alten Zeiten und hätte daher den Anspruch besser zu sein, als andere.
Dylan Klebold und Eric Harris waren demnach keine Goths und wurden auch von der Szene abgelehnt. Sie gehörten eigentlich keiner Szene an, oder identifizierten sich mit einer Szene. Lediglich die sogenannte “Trenchcoat Mafia” könnte man als Szene bezeichnen, der die beiden angehörten. Aber auch die “Trenchcoat Mafia” war keine richtige Gruppe, sondern eher nur ein loser Zusammenschluß von Außenseitern. Die Goth-Szene wurde wahrscheinlich nur bezichtigt, weil man nicht genau wußte, was das für Menschen waren, weil sie einem suspekt waren, weil sie anders waren, eben nicht “normal”.
Dylan und Eric haben aus eigener Entscheidung gehandelt. Keine Gruppierung, keine Szene hat ihr Denken bestimmt. [8]


Fakten und Schlußfolgerungen

Es gibt wahrscheinlich mehrere Gründe für ihre Tat. Sicherlich haben Videospiele, das Internet und Filme einen kleinen Anteil gehabt, aber sie sind keine Ursache für ihr Verhalten.
Eric Harris und Dylan Klebold waren anders, sie waren keine Athleten, nicht beliebt an ihrer Schule, aus welchen Gründen auch immer. Schließlich lebten sie ihre Andersartigkeit aus, wurden Mitglied der “Trenchcoat Mafia”, wo sie Gleichgesinnte fanden, die die gleiche Musik mochten und eine ähnliche Lebenseinstellung hatten. Man wollte sich nicht der Gleichmacherei unterwerfen, bzw. wurde einfach nicht akzeptiert.
Durch ihre Kleidung und ihr Verhalten wurden sie von “normalen” Mitschülern gehänselt und schikaniert. Sie waren allein. Ihre Eltern hatten andere Dinge zu tun, das Geld für die teueren Häuser und den gehobenen Lebensstandard mußte verdient werden. Rückhalt fanden sie in der Gruppe, doch fühlten sie sich wohl auch dort nicht sehr dazugehörig. Sie wollten bekannt werden, sie hofften, dass man einen Film über sie macht, dass sie zu Idolen von allen Ausgestoßenen werden würden. Sie haßten ihr Leben, haßten ihre Mitschüler und wollten aber allen nochmal zeigen, was sie zustandebringen würden. Es war ein geplanter Suizid, nur wollten sie auf eine möglichst spektakuläre Weise sterben und noch die verhaßten Mitschüler, eigentlich alle anderen Menschen von denen sie abgelehnt wurden mitnehmen. Dazu kam noch die Idee berühmt zu werden. Sie wußten, dass sie mit ihrer Tat auf die Titelblätter kommen würden, dass bald die ganze Welt ihre Namen kennen würde und sie dadurch unsterblich werden würden. Sie hätten sich einfach umbringen können, aber dann wären sie im Auge ihrer Feinde, ihrer Mitschüler, einfach nur Verlierer gewesen. Ein kleiner Vermerk in einer regionalen Zeitung und in der Statistik. Sie wußten um die Folgen, sie wußten auch, dass ihre Eltern nach ihrer Tat ebenfalls kein Leben mehr haben werden. Sie wußten, dass alle irgendwie Involvierten ihr Leben lang Albträume haben werden, dass man sie niemals vergessen würde.
Also taten sie das einzig Logische. Sie haßten ihr Leben, haßten ihre Mitmenschen und auch ihre Eltern liebten sie nicht sehr, auch wenn sie sich zuletzt von ihnen verabschieden und sich entschuldigen, und sie wollten unsterblich sein, böse Geister die die Menschen quälen, berühmte Stars mit etlichen “Fans”, die ihrer Tat nacheifern würden. Und sie haben ihr Ziel erreicht.

Sie töteten auf eine für sie spektakuläre, “coole” Art und Weise. Sie rächten sich an ihren Mitschülern und hatten einen gewaltigen Spaß dabei, sie hatten Macht, die sie vorher niemals spürten. Sie erfüllten sich ihren Traum und lachten darüber, dass sich nach ihrer Tat alle fragen würden warum sie es taten (sie hinterließen angeblich sogar ein paar kleine Rätsel, die auf die Tat hingedeutet haben sollen), sie standen im Mittelpunkt des Interesses, sie erreichten, dass über sie geschrieben, berichtet wird, dass Arbeiten wie diese entstehen und ihre Namen in der Geschichte festgeschrieben werden.
Sie machten sich einen Spaß daraus alle zu täuschen, ihnen zu zeigen, wie dumm sie alle doch eigentlich sind, wie eingebildet doch all die schönen, guten Mitschüler, die Erfolgreichen und Beliebten waren und wie wenig sie sich gegen sie wehren konnten, wie wenig sie wußten. Die Tat der beiden ist auch auf einem gewaltigen Narzißmus gewachsen, sie waren arrogant, aber der Weg den sie wählten hielten sie für den einzigen um den anderen zu zeigen, wie dumm die anderen sind und wie genial doch sie. Hinzu kam wohl noch eine Weltanschauung, die man als nihilistisch betrachten kann (die sicherlich nicht sonderlich durchdacht war, auch wenn sie sich für Philosophie interessierten). Eine allgemeine Sinn- und Ziellosigkeit, die zur Gleichgültigkeit allem gegenüber führte. Das Leben erscheint absolut sinnlos zu sein. Einen Denkfehler, sofern sie sich tatsächlich darüber Gedanken gemacht haben, kann man den beiden in dieser Hinsicht auch nicht vorwerfen. Sie fanden 'lediglich' keinen Weg, keinen Grund weiterzuleben, da sie in einem ziemlich gefühllosen Umfeld lebten, keine Freunde, keine Freude hatten. Eine Situation in der alles möglich ist. Das Leben wird gering geschätzt. Es scheint ihnen nichts wert zu sein und somit gibt es bedingt durch die fehlende Empathie, bedingt durch die gefühlskalte Umgebung, keinen Grund es in irgendeiner Weise zu schätzen, Mitgefühl zu empfinden. Dadurch ließe sich auch ihre Arroganz, sowie die Kaltblütigkeit der Tat erklären.
Wie man sieht hatten sie Gründe genug. Wie man aber auch sehen kann, gibt es Gründe genug für so viele Menschen, denen es ähnlich geht. Sie hatten nur den “Mut” und die verrückte Entschlossenheit, oder doch eher Verzweiflung, ihren Plan durchzuziehen. Anscheinend sahen sie die Tat auch als eine Art Kunstwerk an, das große Finale eines sonst völlig belanglosen Lebens. Zumindest die Akribie der Planung legt diese Vermutung nahe.


Folgen

Direkte, regionale Folgen sind vor allem psychologischer Natur. Man sucht nach Schuldigen, an denen man seine Wut loswerden kann. Die Eltern von Eric und Dylan haben sich in ihren Häusern verschanzt und nehmen nur noch über ihre Anwälte nach draußen Kontakt auf. Sie wurden eigentlich von allen Eltern der Opfer verklagt und werden ihr Leben lang zahlen dürfen, wenn sie vorher nicht schon Pleite gehen. Ihr Leben ist demnach durch die Tat ihrer Kinder vollkommen zerstört.
Die Schüler, die das Massaker miterlebt, bzw. überlebt haben leiden noch immer. Albträume und Angstzustände treiben den Absatz von Psychopharmaka in die Höhe, ebenso haben Psychologen und Kirchen regen Zulauf. Es herrscht eine angespannte Atmosphäre, man ist nervös, hat Angst, dass sich diese Tat wiederholen könnte und dass es die eigenen Kinder sein könnten.
25 Schüler müssen in ihren Elternhäusern unterrichtet werden, da sie in der Schule Panikattacken erleiden, aber auch in der Schule ist der Psychologe ausgelastet und wenn sich der Tag des Massakers jährt, vermehrt sich der Ansturm.
Um etwas abzulenken wurde die Bücherei verrammelt und die Cafeteria komplett renoviert.
Die Gegend war schon vorher sehr religiös und die Eltern halten ihre ermordeten Kinder nicht selten für Märtyrer, ein Fingerzeig Gottes, der ihnen so zeigen wollte, dass etwas nicht stimmt. So hat Misty Bernall, die Mutter der ermordeten Cassie Bernall ein Buch herausgebracht, in welchem die Geschichte von Cassie's Heldenmut erzählt wird, da sie auf die angebliche Frage des Killers, ob jemand an Gott glaube, mit “Ja” geantwortet habe. Daher ist der Titel des Buches auch “She said yes”, sie sagte ja. Obwohl sich diese Geschichte mittlerweile als falsch und erfunden herausgestellt hat ist das Buch ein Bestseller und Cassie wurde zur Märtyrerin und Idol der Gegend. Es werden Sticker und Aufkleber ihr zu Ehren getragen und das Jugendzentrum der West Bowles Community Church wurde nach ihr umbenannt. Die Kirche hat seitdem sehr starken Zulauf und man mußte bereits anbauen. Die Menschen wenden sich in ihrer Hilflosigkeit und Verzweiflung an Gott, dem Symbol für väterlichen Beistand, Ordnung, Moral und Anstand. Die christliche Moral, der bürgerliche Anstand mit denen seit jeher Minderheiten diskriminiert werden...
Auf der anderen Seite steht aber auch die Wut. Etliche Eltern haben Klagen am Laufen, gegen die Schulbehörde, gegen die Polizei, gegen alle Helfer, die eventuell einen Fehler gemacht haben könnten und auch gegen andere Eltern. Beschuldigt werden zum einen die Eltern von Dylan und Eric, zum anderen die Lehrer, Hollywood mit seinen brutalen Filmen, das Internet und nicht zuletzt die “viel zu liberale” Regierung in Washington DC.
Auch wurden Denkmäler zu Ehren aller Opfer geschändet. Man hatte 15 Linden hinter der West Bowles Community Church gepflanzt, bis erboste Eltern zwei von diesen abholzten, da es für die Täter kein Denkmal geben solle.
Tom Mauser, der Vater des ermordeten Daniel Mauser kämpft gegen die Waffenlobby, Michael Shoels, der Vater des ermordeten Isaiah Shoels predigt gegen Gewalt und sammelt Geld für seine Klage gegen die Eltern von Dylan und Eric, die er auf 250 Millionen Dollar verklagt hat. Zudem kämpft er noch für mehr Unterstützungsgeld vom Staat.
Ebenso sind die Filme die die Killer gemacht haben sehr gefragt und mittlerweile sind auch etliche Kopien im Umlauf. [1][2]
Die deutlichste Folge ist aber das extreme Mißtrauen. Überall im Land werden jetzt Schüler, die schwarze Kleidung tragen, weiße Schminke benutzen oder gar einen Trenchcoat tragen zumindest mißtrauisch beobachtet. An vielen Schulen wurden Trenchcoats und schwarze Kleidung verboten, in der lächerlichen Hoffnung, dadurch die Gefahr eines weiteren Attentats verringern zu können. Die einzigen Folgen sind, dass Schüler, die eh schon Außenseiter waren und ungewöhnliche Kleidung trugen, noch stärker diskriminiert werden. Es gibt Fälle, dass Schüler, die weiterhin im Trenchcoat zur Schule gingen beschuldigt wurden, Waffen zu kaufen, bzw. zu lagern und Morddrohungen ausgesprochen zu haben. Daraufhin durchsucht man Häuser, führt Prozesse und Ermittlungen gegen Menschen, die nichts weiteres verbrochen haben, als ihre Rechte wahrzunehmen, die ihnen von der Verfassung garantiert werden, das Recht auf persönliche Freiheit und das Recht nach persönlichem Glück zu streben, indem sie sich so kleiden, wie es ihnen gefällt.
In den US-amerikanischen Schulen wurden schon lange vor dem Massaker Schüler diskriminiert, die nicht “normal”, also angepaßt waren, die nicht im Gleichschritt der Gesellschaft liefen. Es sind junge Menschen, die ihre Individualität ausleben wollen, und dies eben auch durch Kleidung und Musik ausdrücken. Die Diskriminierung erfolgte meist nicht nur von Schülern, sondern auch von Lehrern und anderen Autoritäten, von denen zum Beispiel oftmals eine kritische Diskussion über Religion und Glauben nicht geduldet wird. Ebenso werden homosexuelle Menschen diskriminiert. Es gibt Umerziehungs-, bzw. Arbeitslager für straftätige oder “auffällige” Kinder und Jugendliche in den USA. Generell zeigt der sehr gewaltsame Umgang mit Gefangenen eine allgemeine Tendenz zur Gewalt, die wiederum nur wieder Gewalt hervorbringt. Kaum ein Verbrecher wird sich angesichts einer solchen Behandlung noch sonderlich schuldig fühlen, sondern nur den Gedanken nach Rache hegen, sofern man ihn nicht zu einem lebensunfähigen, apathischen Menschen gemacht hat. Brutalere Strafen und mehr Gewalt der Polizei wird immer nur zu größerer Gewalt auf den Straßen führen.
Nach dem Massaker von Littleton gelten ungewöhnliche Menschen nicht nur als sonderlich, als Verlierer, sondern sie sollen jetzt auch noch gewalttätig und gefährlich sein.
Die Goths, die Computerfreaks, Nerds und Geeks genannt, stehen nun auf der Abschußliste. Man folgt anonymen Tips, in denen es heißt, der und der hätten sich nicht “normal” benommen. Es ist vergleichbar mit einer Hexenjagd.
Gerade die in der Regel weitaus friedlicheren und oftmals überdurchschnittlich intelligenten Jugendlichen, eben Goths, Nerds und Geeks stehen plötzlich als potentielle Mörder da und werden mit Anschuldigungen und Restriktionen gequält, ihre Freiheit wird eingeschränkt und die Schule, welche von vielen bereits als Polizeistaat oder faschistisches Regime empfunden wird, wird zu einer noch größeren Tortur.
Es ist kein Wunder, dass dann bei manchen auch Gewaltphantasien entstehen, man sich an den Anderen rächen möchte, die einem Tag für Tag das Leben zur Hölle machen. Da sich diese Schüler nun nicht mehr in ihrer Kleidung, ihrer Musik ausleben dürfen wird dieser Hass noch weitaus stärker wachsen. Sie werden sich noch einsamer, noch hilfloser vorkommen als zuvor. Die Musik, die ihnen über schlechte Zeiten geholfen hat, die Subkultur, die sie stützt, die Kleidung mit der sie sich abgrenzen können, all das wird in den Schulen verboten und verfolgt.
Es ist nur eine Frage der Zeit, bis jemand dem Druck nicht mehr standhalten kann und sich gewaltsam rächt. Dylan Klebold und Eric Harris sind Idole geworden, ja sogar ein Symbol für den gewaltsamen Widerstand gegen die Diskriminierung. Viele die sich nun ausgestoßen und schlecht behandelt fühlen, bzw. es werden, haben nun zwei neue Stars. Dies beweisen die Nachahmungstaten und vielen Drohungen Gewalt anzuwenden kurz nach dem Massaker. Es sind sehr viele Menschen da draußen, die eine ähnliche Lebensgeschichte wie Eric Harris und Dylan Klebold vorweisen können. Nur verzweifeln nur wenige so sehr an ihrer Situation dass sich ihre ganze Wut, ihr Hass so gewaltsam entlädt. Und dieser Hass wird mit den angeblichen Präventivmaßnahmen gegen die Gewalt nur noch geschürt. Man sucht keine Ursachen, man schlägt nur auf die andersartigen ein, man kuriert an angeblichen Symptomen, wie der Kleidung etc. herum, obwohl dies nichts mit der Gewalt zu tun hat. Schußwaffen sind und bleiben trotz aller Gewalt für alle “braven” Bürger der USA frei zugänglich.
Weiterhin werden Zeitungen die Bilder von Mördern auf ihren Titelbildern abbilden, weiterhin können sich lebensmüde, gequälte Seelen sicher sein, dass sie durch ihre Tat berüchtigt, und wenn sie besonders viele töten, weltbekannt und unsterblich werden. Man wird sie nicht vergessen wie alle anderen. So wie Charles Manson der berühmteste Massenmörder (obwohl er niemals mit seinen eigenen Händen gemordet hat), ja gar das Sinnbild für den Massen-, bzw. Serienmörder wurde, so sind Dylan und Eric, Symbole, ja man könnte sogar sagen der “Maßstab” für das Phänomen “Schulmassaker” geworden. Bei jeder neuen Tat wird man die Namen Littleton und Columbine High School hören, wird man sich an Eric und Dylan erinnern.

Eine Gesellschaft, die den Gleichschritt propagiert, die einen Zwang ausübt sich anzupassen, das ist eine faschistische Gesellschaft. Sie ist nicht viel besser als Dylan und Eric in ihrer Weltsicht, in welcher Randgruppen ebenfalls das Feindbild waren.
In den USA hat zudem das Militär einen hohen Stellenwert, Konflikte werden mit Gewalt, mit Krieg gelöst und die Menschen stimmen zu, da sie von der Gewalt und dem Krieg nichts mitbekommen. Das Militär wird sogar noch glorifiziert. Und man erkennt die Scheinheiligkeit, als Präsident Clinton zum Attentat sagt: “Wir müssen uns unseren Kindern zuwenden und ihnen lehren, Konflikte mit Worten, nicht mit Gewalt zu lösen”, während Bomben im Kosovo Menschen töten und man immer wieder militärisch, oder “lediglich” gewaltsam, mithilfe von Geheimdiensten oder ähnlichen Organisationen, in Konflikte eingreift, um seine Interessen durchzusetzen. [8][9]


Quellenverzeichnis

[1] http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,61738,00.html
[2] Focus Nr. 17 22.04.2000 s. 133 - 140
[3] http://www.wsws.org/de/1999/apr1999/colu-a28.shtml
[4] http://privat.schlund.de/T/T-web/retext.htm
[5] http://homepages.go.com/~pogo50/littleton.htm
[6] http://www.time.com/time/magazine/article/0,9171,35870-1,00.html
[7] http://www.marilynmanson.net/index2.html
[8] http://users.cybercity.dk/~ccc44406/smwane/Different.htm
[9] http://www.wsws.org/de/1999/apr1999/litt-a24.shtml

Alle Links vom 24.03.2001 (das heißt, sie waren an jenem Tag abrufbar)


by [Andi]

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Letzte Aktualisierung: 14.04.2004